Projekt Erster Kreuzzug | |
Die Synode von Clermont
Um das Überhandnehmen von Unglauben und Sittenlosigkeit zu bekämpfen, berief Papst Urban II. (1088-1099) auf November 1095 eine Synode nach Clermont-Ferrand in der Auvergne zusammen. Sie wurde von ,,Bischöfen und Äbten aus allen Provinzen des Landes jenseits der Alpen" sowie von einigen Fürsten besucht.
1:
,,Ihr wißt,
geliebte Brüder, wie der Erlöser der Menschheit, als er uns
zum Heile menschliche Gestalt angenommen hatte, das Land der
Verheißung mit seiner Gegenwart verherrlichte und durch seine
vielen Wunder und durch das Erlösungswerk, das er hier
vollbrachte, noch besonders denkwürdig machte. Hat nun gleich
der Herr durch gerechtes Urteil zugegeben, daß die Heilige
Stadt wegen der Sünden ihrer Bewohner mehrmals in die Hände
ihrer Ungläubigen geriet
2, hat
er sie auch eine Zeitlang das schwere Joch der Knechtschaft tragen
lassen, so dürfen wir darum doch nicht glauben, daß er sie
verschmäht und verworfen habe. Die Wiege unseres Heils nun, das
Vaterland des Herrn, das Mutterland der Religion, hat ein gottloses
Volk in seiner Gewalt. Das gottlose Volk der Sarazenen
3 drückt
die heiligen Orte, die von den Füßen des Herrn betreten
worden sind, schon seit langer Zeit mit seiner Tyrannei und hält
die Gläubigen in Knechtschaft und Unterwerfung. Die Hunde sind
ins Heiligtum gekommen, und das Allerheiligste ist entweiht. Das
Volk, das den wahren Gott verehrt, ist erniedrigt; das auserwählte
Volk muß unwürdige Bedrückung leiden. Das königliche
Priestertum muß als Sklave Ziegel brennen; die Fürstin der
Länder, die Stadt Gottes, muß Tribut zahlen. Will einem
nicht die Seele darüber zergehen, will einem nicht darüber
das Herz zerfließen? Liebe Brüder, wer kann das mit
trockenen Augen anhören? Der Tempel des Herrn, aus dem er in
seinem Eifer die Käufer und Verkäufer hinausgetrieben hat,
damit das Haus seines Vaters nicht eine Mördergrube werde, ist
nun Sitz des Teufels geworden. Die Stadt des Königs aller
Könige, die den andern die Gesetze des unverfälschten
Glaubens gegeben hat, muß heidnischem Aberglauben dienstbar
sein. Die Kirche zur heiligen Auferstehung, die Ruhestätte des
Herrn, steht unter der Herrschaft derer, die an der Auferstehung
keinen Teil haben, sondern als Stoppeln zur Erhaltung des ewigen
höllischen Feuers werden dienen müssen. Die ehrwürdigen
Orte sind in Schafkrippen und Viehställe verwandelt. Dem
preiswürdigen Volke werden die Söhne entrissen und
gezwungen, heidnischer Unreinheit dienstbar zu werden und den Namen
des lebendigen Gottes zu verleugnen oder mit lasterhaftem Munde zu
schmähen, und wenn sie sich den gottlosen Befehlen widersetzen,
so werden sie wie das Vieh hingeschlachtet, Genossen der heiligen
Märtyrer. Den Tempelshändlern gilt jeder Ort, jede Person
gleichviel; sie morden die Priester im Heiligtum. Wehe uns, die wir
in den Jammer der gefahrvollen Zeit versunken sind, von der der
fromme König David, sie im Geiste voraussehend, klagend
gesprochen hat: ,,Gott, es sind Heiden in dein Erbe gefallen; die
haben deinen heiligen Tempel verunreinigt. Herr, wie lange wirst du
zürnen und deinen Eifer wie Feuer brennen lassen?" . . .4
,,Wehe uns, daß wir dazu geboren sind, unseres Volkes und der
Heiligen Stadt Zerstörung sehen und dazu stille sitzen zu müssen
und die Feinde ihren Mutwillen treiben zu lassen!" 5
Bewaffnet euch mit dem Eifer Gottes, liebe Brüder, gürtet
eure Schwerter an eure Seiten, rüstet euch und seid Söhne
des Gewaltigen! Besser ist es, im Kampfe zu sterben, als unser Volk
und die Heiligen leiden zu sehen. Wer einen Eifer hat für das
Gesetz Gottes, der schließe sich uns an. Wir wollen unsern
Brüdern helfen. Ziehet aus, und der Herr wird mit euch sein.
Wendet die Waffen, mit denen ihr in sträflicher Weise Bruderblut
vergießt, gegen die Feinde des christlichen Namens und
Glaubens. Die Diebe, Räuber, Brandstifter und Mörder werden
das Reich Gottes nicht besitzen; erkauft euch mit wohlgefälligem
Gehorsam die Gnade Gottes, daß er euch eure Sünden, mit
denen ihr seinen Zorn erweckt habt, um solch frommer Werke und der
vereinigten Fürbitten der Heiligen willen schnell vergebe. Wir
aber erlassen durch die Barmherzigkeit Gottes und gestützt auf
die heiligen Apostel Petrus und Paulus allen gläubigen Christen,
die gegen die Heiden die Waffen nehmen und sich der Last dieses
Pilgerzuges unterziehen, alle die Strafen, welche die Kirche für
ihre Sünden über sie verhängt hat. Und wenn einer dort
in wahrer Buße fällt, so darf er fest glauben, daß
ihm Vergebung seiner Sünden und die Frucht ewigen Lebens zuteil
werden wird. Unterdessen aber betrachten wir diejenigen, welche im
Glaubenseifer jenen Kampf auf sich nehmen wollen, als Kinder des
wahren Gehorsams und stellen sie unter den Schutz der Kirche und der
heiligen Apostel Petrus und Paulus; sie sollen vor jeder Beunruhigung
ihres Eigentums oder ihrer Personen gesichert sein." -Der Herr
gab der Rede seines treuen Knechtes, der so kräftig predigte und
so herrlich war in der Verkündigung seines Wortes, solche Kraft
und Wirksamkeit, daß sie allerwärts den glücklichsten
Erfolg hatte. Es zeigte sich, daß das Werk von Gott angeregt
war; denn alt und jung folgte mit der größten Freude
diesem Aufgebot, so Schwieriges es auch verlangte. Und nicht nur die
persönlich Anwesenden hatten sich an dem Feuer seines Wortes für
den Zug begeistert; die Predigt ging in alle Welt hinaus und
entzündete auch die, welche sie nicht aus seinem Munde gehört
hatten, zu gleichen Entschlüssen. Da trennte sich der Mann von
dem Weibe und das Weib von dem Manne, der Vater vom Sohne, der Sohn
vom Vater; es war kein Band der Liebe, das diesem Eifer hätte
Nachteil bringen können, so daß viele Mönche aus
ihrem Kloster kamen und viele, die sich freiwillig um des Herrn
willen eingeschlossen hatten, aus ihrer Klausur. Doch hatte nicht bei
allen die Liebe zu Gott ihren Entschluß veranlaßt, und
nicht alle trieb die weise Überlegung dazu. Viele schlossen sich
bloß an, um ihre Freunde nicht zu verlassen, oder um nicht für
träge zu gelten, oder aus Leichtsinn, oder um ihrer Gläubiger,
denen sie schwer verschuldet waren, spotten zu können.
Verschieden waren also die Beweggründe, aber alles eilte herbei.
Niemand dachte im Abendland an Alter oder Geschlecht, Rang oder
Stand; niemand kehrte sich an Abreden, alles gab ohne Unterschied
sein Wort und gelobte einmütig mit Herz und Mund den Pilgerzug.
Anmerkungen: 2 Zuletzt in die Hand des türkischen
Stamms der Seldschuken.zurück
3 Ursprünglich Name eines Stammes im
Nordosten Arabiens, der im Laufe der Zeit auf alle Araber
überging; oft bezeichnete man damit die Mohammedaner
überhaupt.zurück
4 Ps. 79, 1-5. Ein Psalm Asaphs: Klage
wider die Zerstörer Jerusalems.zurück
5 1. Makk. 2,5-6.zurück
6 Des Römischen Reichs und des
französischen Königreichs.zurück
7 Matth. 16, 54.zurück |